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Zehn Jahre Konvention

Sozialgenossenschaft: "Aufklärungsarbeit im großen Stil ist gefragt"

Seit zehn Jahren besteht die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland - Grund genug für Bundessozialminister Hubertus Heil Bilanz zu ziehen. Als Meilenstein bezeichnete er die Unterschrift Deutschlands unter die Konvention im Jahr 2009, doch ein Schlussstein sei dies noch lange nicht. Sein Ministerium wolle sich jetzt verstärkt auf Barrierefreiheit, Arbeit für alle und eine inklusive Demokratie konzentrieren. Und dabei müssten, so Heil, auch künftig bei allen Maßnahmen Menschen mit Behinderung von Anfang einbezogen werden. Friedrich-Wilhelm Haarstrich, hauptamtlicher Vorstand der Sozialgenossenschaft Aktiv DabeiSein Dienstleistungen eG, sieht noch zahlreiche Lücken in der Verwirklichung gerechter Teilhabe für Menschen mit Handicap.

Den offiziellen Weg habe man vor zehn Jahren beschritten, jetzt sei verstärktes Handeln gefragt. Beispielsweise sei der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung immer noch nicht die Regel. In Hannover gäbe es nur wenige Schulen, die die Inklusion richtig umsetzen könnten - sei es aus Personalmangel, sei es aus Unkenntnis. Der Prozentsatz der Schüler mit Beeinträchtigungen in Förderschulen sei in den vergangenen Jahren nur geringfügig gesunken. "Hier heißt es für die Politik, Rahmenbedingungen für eine qualitativ hochwertige inklusive Beschulung zu schaffen." Von gut realisierter inklusiver Bildung würden alle profitieren, Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, Hochbegabte, Regelkinder..." Haarstrich sieht die Bundesländer in der Pflicht, Gesamtkonzepte zum Aufbau eines inklusiven Schulsystems auszuarbeiten, die konkrete Maßnahmen und zeitliche Vorgaben enthalten. Das beinhalte auch, personelle wie finanzielle Ressourcen umzuschichten.

Außerdem beklagte er, dass die Wege für Menschen mit Beeinträchtigung auf den ersten Arbeitsmarkt nach wie vor mühsam seien. Betroffene und Angehörige müssten zahlreiche bürokratische Hürden bei einer Vielzahl von Behörden und Ämtern nehmen. Viele Mitarbeiter seien nicht ausreichend über die Möglichkeiten zur Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt informiert. Außerdem zeigten sich Arbeitgeber oftmals zögerlich, weil es noch immer falsche Vorstellungen über Menschen mit Beeinträchtigung gäbe. Die Chancen, Lücken des aktuellen Fachkräftemangels durch Menschen mit Handicap zu schließen, würden größtenteils noch nicht erkannt. Vielmehr denke man vordergründig nur über die Risiken der Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigungen nach und verpasse so die Möglichkeit, Talente zu entdecken und zu fördern.

"Jeder Mensch ist anders", erinnert Haarstrich an das Weizsäcker-Zitat. Deshalb müssten Männer und Frauen mit Behinderung sich genau so individuell bei Vorstellungsgesprächen präsentieren dürfen wie Menschen ohne Beeinträchtigung. Vielfach hätten sie aber aufgrund von weit verbreiteten Vorurteilen in der Gesellschaft gar nicht erst die Chance zum persönlichen Gespräch bei potenziellen Arbeitgebern. Der Vorstand der Sozialgenossenschaft in Hannover schlägt der Bundesregierung eine Informationskampagne vor, die dafür sorgen soll, dass die Hemmschwellen und Vorurteile gegenüber Menschen mit Beeinträchtigung abgebaut werden. "Aufklärungsarbeit im ganz großen Stil ist angesagt, damit sich in der Gesellschaft etwas ändert." Und dafür sei Berlin zuständi