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„Der Begriff Inklusion wird missbraucht!“

Inklusion 1 300x192 - „Der Begriff Inklusion wird missbraucht!“Inklusion kann nicht scheitern, sondern nur nicht richtig praktiziert werden!“ Friedrich-Wilhelm Haarstrich legt Veto ein gegen die aktuellen Stimmen in der Schullandschaft Hannovers. Der Vorstand der neuen hannoverschen Sozialgenossenschaft für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderungen spricht von einer überhitzten Diskussion. „Jetzt ist gefragt, Emotionen aus dem Thema rauszunehmen und auf sachlicher Ebene zu diskutieren.“ Bei der gleichberechtigten Beschulung von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung gelte es, vernünftig zu planen und beispielhaften Modellen zu folgen. Vieles, was als angebliche Inklusion an den hiesigen Schulen praktiziert werde, sei mehr Stückwerk denn konzeptionelle Umsetzung. „Und darum ist auch nicht die angebliche Inklusion gescheitert, sondern das, was als solche ,verkauft‘ wird!“ Der Vorstand von Aktiv DabeiSein eG fordert ein einheitliches Konzept für die Schulen Hannovers und der Region. Leuchtturmprojekten - wie sie an der Otfried-Preußler-Schule in der Südstadt oder an der Grundschule am Lindener Markt praktiziert würden – solle man folgen. Außerdem rät er, sich fachlichen Rat von Inklusionsexperten einzuholen. Die neue Sozialgenossenschaft beispielsweise könne den Kontakt zwischen Kommunen und Fachleuten vermitteln und gemeinsam mit den Beteiligten entsprechende Konzepte erarbeiten. Die neue gemeinnützige Organisation denkt über den schulischen inklusiven Weg hinaus, ist zum Beispiel mit Beschäftigungsmodellen und Freizeitteilhabeideen unterwegs. „Die gleichberechtigte Beschulung ist der erste Schritt zur inklusiven Gesellschaft.“

Laut Sozialwissenschaftler Hans Wocken, der diverse Studien zur Beschulung von Kindern mit Förderbedarf durchgeführt habe, sei der Lernerfolg der Mädchen und Jungen an der Förderschule mit dem Schwerpunkt “Lernen” niedrig. „Der Cooling-Out-Effekt tritt ein, das Kind passt sich dem niedrigen Lernniveau an.“ Dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf vom Gemeinsamen Unterricht profitieren, zeigten Bildungsvergleichsstudien. „Kinder mit Behinderung, die an die Regelschulen gehen, sind in ihrer Lese- und Rechtschreibkompetenz erfolgreicher als die Mädchen und Jungen an Förderschulen.“ Die Studien beweisen laut Haarstrich außerdem, dass Kinder im Gemeinsamen Unterricht keine schlechteren, teilweise sogar bessere Ergebnisse erzielen würden. „Von der inklusiven Didaktik profitieren alle“, resümiert er. Das Sozialverhalten und das Selbstmanagement würden gestärkt. Hirnforscher Gerald Hüther betonte sogar, dass Inklusion schlau mache, da heterogene Gruppen komplexere soziale Situationen und somit vielfältigere Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten bieten könnten.

Die Frage der Umsetzung der inklusiven Beschulung dürfe nicht durch blinden Aktionismus geklärt werden. Seit 1975 gäbe es Konzepte in Deutschland, die zeigen würden, wie Gemeinsamer Unterricht umgesetzt werden kann. Diverse Schulversuche sind nach Angaben des Genossenschaftsvorstands wissenschaftlich begleitet und ausgewertet worden. Daran sollte man sich orientieren. „Zieldifferenter Unterricht bedeutet“, so Haarstrich, „dass die Kinder unterschiedliche Lernziele haben. Methoden der inklusiven Didaktik ermöglichen individuelles Lernen.“ Das A und O bei Inklusion sei die eigene Haltung. Um diese zu reflektieren seien Aus- und Fortbildungen wichtig, die auch einen empathischen Zugang zum Thema Inklusion ermöglichen würden. Außerdem von Bedeutung seien die Bedingungen: Team-Teaching, Doppelbesetzung und Zwei-Pädagogen-Systeme seien angesagt, wenn die Klassenzusammensetzung dies erfordere. Dabei gelte es von erfahrenden Lehrern zu lernen. „Inklusion braucht keine Zeit, sondern den Willen sie umzusetzen.“ Die Sozialgenossenschaft, die von der Region und starken Vereinen in Hannover unterstützt wird, stünde den Verwaltungen und Schulen als Partner zur Verfügung. Die Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention habe bewirkt, dass das Vorhaben „Gemeinsamer Unterricht“ nicht mehr auf freiwilliger Initiative fuße. Haarstrich macht aufmerksam auf den aktuellen Vorwurf aus der europäischen Kultusministerkonferenz: „Unsere Nachbarn kritisierten in puncto Umsetzung der schulischen Inklusion, dass wir Deutschen immer noch gut im Selektieren seien. Das sollte für uns Grund genug sein, die richtige inklusive Beschulung voranzutreiben.