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Mit Jahresbeginn sind wesentliche Änderungen und Neuregelungenrund um Teilhabe, soziale Entschädigung und Sozialhilfe in Kraft getreten. Zum 1. Januar 2020 hat die dritte Reformstufe des Bundesteilhabegesetzes - BTHG - Gültigkeit: die Reform der Eingliederungshilfe. Die Eingliederungshilfe wird aus dem Fürsorgesystem der Sozialhilfe herausgelöst und als eigenständiges Leistungsrecht in das SGB IX eingebettet. Damit einher gehen laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales wesentliche Verbesserungen für die leistungsberechtigten Menschen mit Behinderungen:

Die Fachleistungen der Eingliederungshilfe werden in den bisherigen stationären Einrichtungen (den künftigen besonderen Wohnformen) von den existenzsichernden Leistungen der Sozialhilfe getrennt. Die Abkehr vom so genannten „Komplettpaket“ erhöht die Wahlfreiheit und Selbstbestimmung der Menschen mit Beeinträchtigung. Die Fachleistungen orientieren sich seit dem 1. Januar am individuellen Bedarf und werden unabhängig von der Wohnform erbracht.

Auch für die Eingliederungshilfe wird durch ein eigenes Kapitel für die Leistungen zur Teilhabe an Bildung der hohe Stellenwert der Bildung herausgestellt. Damit werden erstmals Assistenzleistungen für höhere Studienabschlüsse wie ein Masterstudium oder in bestimmten Fällen auch eine Promotion rechtssicher ermöglicht.

Durch eine Neustrukturierung und Konkretisierung der Leistungen zur Sozialen Teilhabe in der Eingliederungshilfe werden die Möglichkeiten einer individuellen und den persönlichen Wünschen entsprechenden Lebensplanung und -gestaltung weiter gestärkt. Eingliederungshilfebezieher profitieren so unter anderem  von einem neuen Leistungstatbestand, der Assistenzleistungen zur selbstbestimmten Alltagsbewältigung konkret regelt und auch die Unterstützung bei der Ausübung eines Ehrenamtes vorsieht.

Zudem sind weitere wesentliche Verbesserungen bei der Einkommens- und Vermögensanrechnung in Kraft getreten. Damit werden die Anreize zur Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung durch Menschen mit Behinderungen erhöht und eine angemessene Alterssicherung ermöglicht. Die Anrechnung des Partnereinkommens und -vermögens entfällt vollständig.
Gleichzeitig mit der dritten Reformstufe des BTHG hat seit zum 1. Januar das "Gesetz zur Änderung des Neunten und des Zwölften Buches Sozialgesetzbuch und anderer Rechtsvorschriften" Gültigkeit. Dieses Gesetz enthält klarstellende Regelungen bezüglich der Trennung der Leistungen in den bisherigen stationären Einrichtungen sowie weitere für eine reibungslose Umsetzung der Reformstufe notwendige redaktionelle Änderungen. Zudem wird ein Finanzierungsproblem gelöst, das durch die Systemumstellung in der Eingliederungshilfe einmalig entsteht: Innerhalb des ersten Quartals 2020 wird einmalig auf die Anrechnung der Rentenversicherungsleistungen für Menschen, die bis zu diesem Zeitpunkt in stationären Einrichtungen der Eingliederungshilfe leben, verzichtet.

Mit der derzeit noch ausstehenden, aber in Kürze absehbaren Verkündung des Gesetzes zur Regelung des Sozialen Entschädigungsrechts im Bundesgesetzblatt ergeben sich seit 1. Januar insbesondere folgende Neuerungen:
Verbesserungen für Gewaltopfer einschließlich Terroropfer
Rückwirkend zum 1. Juli 2018 werden für Leistungsberechtigte nach dem Bundesversorgungsgesetz, das unter anderem für Gewaltopfer einschließlich Terroropfer gilt, die Waisenrenten und das Bestattungsgeld bei schädigungsbedingtem Tod erhöht und die Leistungen für Überführungskosten verbessert.

Auch das Opferentschädigungsgesetz selbst wird rückwirkend zum 1. Juli 2018 geändert. Dadurch erhalten sich rechtmäßig in Deutschland aufhaltende Ausländerinnen und Ausländer, die Opfer einer Gewalttat werden, die gleichen Entschädigungsleistungen wie deutsche Gewaltopfer.

Zum 1. Januar ist das Bundesversicherungsamt in Bundesamt für Soziale Sicherung umbenannt worden. Durch die Namensänderung soll die stetige Weiterentwicklung von einer Aufsichts- zu einer vielschichtigen Verwaltungs- und Finanzbehörde im Rechtskreis der Sozialversicherung zum Ausdruck kommen.

Mit dem Angehörigen-Entlastungsgesetz wurden jetzt außerdem unterhaltsverpflichtete Eltern und Kinder von Menschen, die Leistungen der Hilfe zur Pflege oder andere Leistungen der Sozialhilfe erhalten, entlastet: Auf ihr Einkommen wird zukünftig erst ab einem Jahresbetrag von mehr als 100.000 Euro zurückgegriffen. Eine Ausnahme bilden nur unterhaltsverpflichtete Eltern minderjähriger Leistungsbezieherinnen und Leistungsbezieher, die Leistungen der Hilfe zum Lebensunterhalt nach dem Dritten Kapitel des SGB XII erhalten. In der Eingliederungshilfe wird der Kostenbeitrag, den unterhaltsverpflichtete Eltern für ihre volljährigen leistungsberechtigten Kinder aufbringen müssen, sogar unabhängig vom Einkommen vollständig entfallen.
Darüber hinaus werden wichtige Verbesserungen für Menschen mit Behinderungen umgesetzt, um die mit dem Bundesteilhabegesetz eingeführten Maßnahmen zu verstetigen und weiterzuentwickeln: Die Weiterfinanzierung der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) wird dauerhaft gesichert. Das schafft laut Bundesministerium vor allem für die Träger der Beratungsangebote und ihre Beschäftigten langfristige Rechts- und Planungssicherheit.

Ab sofort gibt es ein Budget für Ausbildung als (weitere) Alternative zu den Werkstätten für behinderte Menschen. Damit sollen die Chancen für Menschen mit Behinderungen verbessert werden, eine berufliche Ausbildung auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt absolvieren zu können. In der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung wird nunmehr auch gesetzlich klargestellt, dass Menschen mit Behinderungen auch im Eingangsverfahren und im Berufsbildungsbereich von Werkstätten für behinderte Menschen leistungsberechtigt sind.

In Bezug auf die Kosten einer als notwendig festgestellten Arbeitsassistenz ist künftig klargestellt, dass es kein Ermessen bezüglich des Umfangs der Kostenübernahme gibt.

Von Sabine Buntrock

Fast drei Jahrzehnte lang machen es uns die USA vor, wie Barrierefreiheit grenzenlos funktioniert. Die Freiheitsstatue fährt Rollstuhl sozusagen. Die Staaten nehmen ihr Behindertengleichstellungsgesetz wörtlich – Americans with Disabilities Act (ADA) sorgt seit 1990 dafür, dass beeinträchtige Menschen, auf einem guten, auf einem barrierefreien Weg sind. Unbefangen unterwegs zu sein auch als Nicht-Fußgänger ist in deutschen Gefilden ein Wagnis. In zahlreichen Restaurants und an vielen Orten der Sehenswürdigkeiten gibt’s noch nicht mal eine Behindertentoilette. In Amerika ist der touristische place to be standardmäßig mit einer solchen ausgestattet. Und wenn nicht, hat der Freizeittreff eine Außenseiterrolle. Ja, hallo, das geht. Nichtbehinderte erklären sich solidarisch mit eingeschränkten Zeitgenossen und meiden den Ort der Nachlässigkeit in Sachen Barrierefreiheit. In den USA sind ausreichend barrierefreie Hotelzimmer vorhanden, Mietwagen kann man beispielsweise überall mit Handgas mieten, wenn man nicht per pedes fahren kann. Was für eine Signalwirkung!
Das amerikanische Behindertengleichstellungsgesetz verlangt regelrecht angemessene Vorkehrungen zu treffen, damit Menschen mit Beeinträchtigungen nicht diskriminiert werden. Und bewirkt damit eine Nachdenkpflicht über die Bedürfnisse, die eigentlich normal aus der Sicht von Menschen mit Handicap. Und weil die Individualität jedes einzelnen besondere Vorkommnisse bei jedermann, jederfrau mit sich bringt, ist es generell normal. Normalität ist eben verschieden zu sein. Das gilt auch für den Arbeitsmarkt. Ein Grundbedürfnis eines Menschen ist es, einer Beschäftigung nachzugehen. Mit Lohn als Erfolgserlebnis. Und ein Grundrecht für alle ist es ebenfalls in Deutschland. Doch was nutzt es, eben auch als behinderter Mensch dieses Grundrecht zu haben, aber keine Chance zu bekommen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Das macht eher einen grausamen Scherz aus und führt diesen Anspruch ad absurdum. Amerika verlangt von seinen Arbeitgebern per Gesetz Maßnahmen, um Menschen mit Beeinträchtigung ganz selbstverständlich auf dem ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.
Das ist kein amerikanischer Traum, sondern traumhafte Wirklichkeit in den Staaten. Einer Realität, der wir in Deutschland folgen sollten. Eine starke Gesetzgebung zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen zu etablieren ist hierzulande längst überfällig. Immer noch gibt es keinen ausreichenden Schutz vor Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen. Kinder mit Behinderung dürfen bis zur Geburt abgetrieben werden, Erwachsene, die blind oder taub seien, werden vielfach vom ersten Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Noch immer findet an vielen Schulen lediglich eine Pseudo-Inklusion statt, die dann zum Scheitern verurteilt ist. Und aus diesem Resultat heraus werden Kinder mit Behinderungen oftmals aus der Regelschule ausgegrenzt. Straßen und Bürgersteige, öffentliche Gebäude und Sehenswürdigkeiten sind viel zu oft für Rollstuhlfahrer unbenutzbar.
Deutschland wurde einmal mehr vom UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen aufgefordert, das Konzept der angemessenen Vorkehrungen in allen Rechts- und Politikbereichen zur Gleichstellung von Menschen mit Beeinträchtigung gesetzlich zu verankern. Dazu hatte sich Deutschland mit der Ratifikation der UN-Behindertenrechtskonvention bereits verpflichtet. Angemessene Vorkehrungen zu treffen stellen das Einmaleins der baulichen Barrierefreiheit dar und müssen unbedingt auf die Agenda der Verpflichtungen gesetzt werden. Das Institut für Menschenrechte hat das in leichter Sprache gut erklärt. Deutschland blockiert. Wir seien immer noch gut im Aussortieren, sagten jüngst die Kultusminister unserer europäischen Nachbarn bei der entsprechenden EU-Tagung zu ihren deutschen Kollegen. Keine internationale Auszeichnung für uns, eher ein Armutszeugnis. Und. sehr geehrte Politik, die Art und Weise, wie man mit Menschen mit verschiedensten Hintergründen umgeht, beschreibt unsere Werte und symbolisiert, wer wir sind. Vielleicht erzeugt diese Wahrheit zum Nachdenken und sorgt dafür, dass die Bundesregierung endlich ihre Hinhaltetaktik zum Diskriminierungsschutz aufgibt.

Menschen mit Behinderungen müssen im Alltag viele Nachteile in Kauf nehmen. Unter bestimmten Voraussetzungen können die Betroffenen jedoch besondere Schutzrechte und Hilfen beanspruchen. Die so genannten Nachteilsausgleiche sollen helfen, behinderungsbedingten Ungleichbehandlungen abzuschwächen. Dabei geht es um ein breites Spektrum - vom Kündigungsschutz am Arbeitsplatz bis hin zur Freifahrt im Nahverkehr. Doch für viele der 7,8 Millionen in Deutschland Betroffenen bedeutet es eine hohe Hürde, ihre Rechte einzufordern. Denn für wen welche Nachteilsausgleiche in Frage kommen, hängt von der Art der Behinderung und weiteren Faktoren ab.
Das neue SoVD-Serviceheft "Nachteilsausgleiche für Menschen mit Behinderungen - das sind Ihre Ansprüche" informiert über das komplexe Thema und nennt anschauliche Beispiele. Im Zentrum stehen insbesondere Fragen, was Nachteilsausgleiche sind und wer diese erhält:
Was bedeutet der Grad der Behinderung? Und wie gliedern sich die verschiedenen Nachteilsausgleiche nach Themengebieten? Diese und weitere Fragen beantwortet der neue Ratgeber, der als Download kostenlos genutzt werden kann.

Heft Nachteilsausgleiche

Feriencamp 300x200 - Innovative Feriencamps

Innovativ und inklusiv: Die ersten Wochen der niedersächsischen Sommerferien avancierten für rund 100 Kinder aus Hannover und der Region zu regelrechten Erlebnisferien mit vielen neuen Freunden. Das Prima-Klima-Camp in der Otfried-Preußler-Schule sowie die Bildungsoffensive Prima-Klima-Workshops für alle in der Freien Martinsschule in Laatzen präsentierten sich Aktionsstätten mit Hintergrund. In der national preisgekrönten Grundschule für Inklusion, in der Otfried-Preußler-Schule in der Südstadt Hannovers, sowie in der Waldorfschule in Laatzen trafen sich motivierte Betreuer, gut gelaunte Klimaschutz-Experten und Mädchen und Jungen zwischen 6 und 14 Jahren. Die spielerische Umweltbildung in Verbindung mit Inklusion bildete den Schwerpunkt der Ferienangebote unter Leitung der Sozialgenossenschaft Aktiv DabeiSein Dienstleistungen eG.

Ideelle sowie finanzielle Unterstützer waren zudem die Stadt und die Region Hannover, Aktion Mensch, die BINGO Umweltstiftung, 96plus, proKlima und die Stiftung Allianz für Kinder, die Edeka Stiftung sowie die FerienCard. Die erste gemeinnützige Sozialgenossenschaft Hannovers - Aktiv DabeiSein Dienstleistungen eG – holte die Klimaschutz-Experten ins Camp und versprach Abenteuer-Unterhaltungs-Momente.

Kreativ, innovativ, unkompliziert – lautete das Motto. Spiele ohne Grenzen, Power-Parcours mit Lili & Claudius, Energie-HipHop, Umwelt-Entdeckerpfade, Photo-Pep, Culture-Play, pfiffige Kreativaktionen und jede Menge Spaß standen auf der Agenda. Und: Die inklusiven Feriencamps mit dem ökologische Hintergrund wollten mit früher Umweltbildung auf jedem Niveau langfristig die Gesellschaft in Sachen Klimaschutz stärken. Denn eine inklusive Gemeinschaft erweitert ebenfalls das Umweltschutz-Netzwerk. Die Kids erfuhren: Jeder kann etwas zum Schutz des Klimas beitragen. Highlight war die Session mit Greg Perrineau, Weltstar der 70er-Jahre-Kultband „Eruption“, der mit den Kids für den Klimaschutz trommelte.

Die Naturnauten Lili & Claudius beispielsweise vermittelten, wie wichtig das Thema Klimaschutz ist – mit Workshops wie Sonne und Wind und anschaulichem Freizeitlernprogramm auf Entdeckerpfaden. Mit ihren eindrucksvollen Experimenten machten sie auch Kindern mit Behinderungen deutlich, was man in Sachen Energiesparkurs unternehmen kann.

In den Feriencamps waren die Kinder Klimaschutzforscher. Über verschiedene Themen im einzelnen Workshop lernten sie, wie wichtig das Thema Umweltschutz ist. Der Fotograf Andreas Stahl beispielsweise war mit den Mädchen und Jungen auf dem Klimaschutz-Rundgang unterwegs, fing in der Gruppe mit der Kamera Landschaftsbilder und Tierszenen ein. Außerdem initiierte er mit dem Betreuerteam eine Aktion, bei der jedes Kind mit Farbe seinen Fußabdruck auf Recyclingpapier platzierte. Das wurde dann unter die Linse genommen sowie als Aufhänger genutzt, um mit den Teilnehmern über den ökologischen Fußabdruck zu sprechen.

In Bastelkursen wurden Öko-Baumwollrucksäcke mit umweltfreundlicher Farbe bemalt. Außerdem entstanden aus Abfall Kunstwerke, Ausnahme-Roboter beispielsweise, die die Kids zum Abschluss ihres Feriencamps präsentieren. Bewegungscoach Sabine Krauthäuser brachte Umwelttänze mit, sorgte für Körperwahrnehmung und verband dieses mit einem Gefühl für die Natur. Sie animierte die Mädchen und Jungen allgemein zu mehr Bewegung. Den Spaß an Sport verinnerlichen Kinder, sie werden auch im Erwachsenenalter mehr Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen.

Das Angebot war so umfangreich wie das Thema Umwelt generell. Ideale Bedingungen für das Camp boten die beiden Schule mit ihren Innenräumen und Außengelände sowie mit Bühne, Sporthalle, Aula, Mensa, Spiel- und Sportplatz sowie Erlebnisgarten.

„Inklusion ist ein Prozess und gleichzeitig ein Ziel, menschliche Verschiedenheit als Normalität anzunehmen und wertzuschätzen“, betonte Klaus Dickneite, Vorsitzender des Vereins Aktiv DabeiSein. Zum Fortschreiten dieses Prozesses würden die Feriencamps beitragen. Jedes Kind werde auf individuelle Art und Weise an das Thema Klimaschutz herangeführt.

Veranstalter: Verein Aktiv DabeiSein, Down-Syndrom Verein Hannover, TKH, Freie Martinsschule Laatzen und die Stiftung Jonathan.

Mobilität 300x200 - Teilhabe durch Mobilität

Neue Konferenzreihe des Bundessozialministeriums zum Thema "Inklusiver Sozialraum": Die Initiative soll für mehr Barrierefreiheit in Städten, Gemeinden und Landkreisen sorgen. Ziel eines inklusiven Sozialraums ist, das selbstbestimmte und gemeinschaftliche Leben aller Menschen – ob mit oder ohne Behinderung – zu ermöglichen. Bundesminister Hubertus Heil betont die wichtige Rolle der Landkreise, Städte und Gemeinden für die Ausgestaltung eines inklusiven Sozialraums. Und Friedrich-Wilhelm Haarstrich, Hauptamtlicher Vorstand der ersten Sozialgenossenschaft Hannovers, betont: "Unsere Genossenschaft ist schon vielfach auf diesem Weg unterwegs, entwickelt Konzept zum Abbau von Barrieren."
Im Fokus der ersten Regionalkonferenz stand das Thema "Teilhabe durch Mobilität". Rund 150 Teilnehmende kamen nach Braunschweig, um mit Fachleuten aus Bund, Ländern und Kommunen sowie aus Wissenschaft und Praxis zu diskutieren. Das Motto lautete: von guten Beispielen auf kommunaler Ebene lernen. Im Fokus standen dabei die drei Handlungsfelder "Nahverkehrsplanung – Barrierefreiheit bis 2022", "Inklusive Mobilität im ländlichen Raum" und "Chancen der Digitalisierung für eine inklusive Mobilität". Auf der Konferenz wurden Praxisbeispiele aus Niedersachsen, Bremen, Sachsen, Brandenburg und Thüringen vorgestellt.

Träger der bundesweiten Konferenzreihe ist die InitiativeSozialraumInklusiv – kurz: ISI –, die 2018 vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) mit Unterstützung der Kommunalen Spitzenverbände initiiert wurde. Seit 2019 wird sie von der Bundesfachstelle Barrierefreiheit weitergeführt. Bei den insgesamt sechs Regionalkonferenzen bis 2021 zu Themen wie barrierefreies Bauen und Wohnen, inklusive Mobilität und barrierefreier Zugang zu Gesundheitsleistungen, Kultur- oder Freizeitangeboten bilden regionale gute Beispiele den Fokus.

Sozialgenossenschaft: "Aufklärungsarbeit im großen Stil ist gefragt"

Seit zehn Jahren besteht die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland - Grund genug für Bundessozialminister Hubertus Heil Bilanz zu ziehen. Als Meilenstein bezeichnete er die Unterschrift Deutschlands unter die Konvention im Jahr 2009, doch ein Schlussstein sei dies noch lange nicht. Sein Ministerium wolle sich jetzt verstärkt auf Barrierefreiheit, Arbeit für alle und eine inklusive Demokratie konzentrieren. Und dabei müssten, so Heil, auch künftig bei allen Maßnahmen Menschen mit Behinderung von Anfang einbezogen werden. Friedrich-Wilhelm Haarstrich, hauptamtlicher Vorstand der Sozialgenossenschaft Aktiv DabeiSein Dienstleistungen eG, sieht noch zahlreiche Lücken in der Verwirklichung gerechter Teilhabe für Menschen mit Handicap.

Den offiziellen Weg habe man vor zehn Jahren beschritten, jetzt sei verstärktes Handeln gefragt. Beispielsweise sei der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung immer noch nicht die Regel. In Hannover gäbe es nur wenige Schulen, die die Inklusion richtig umsetzen könnten - sei es aus Personalmangel, sei es aus Unkenntnis. Der Prozentsatz der Schüler mit Beeinträchtigungen in Förderschulen sei in den vergangenen Jahren nur geringfügig gesunken. "Hier heißt es für die Politik, Rahmenbedingungen für eine qualitativ hochwertige inklusive Beschulung zu schaffen." Von gut realisierter inklusiver Bildung würden alle profitieren, Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, Hochbegabte, Regelkinder..." Haarstrich sieht die Bundesländer in der Pflicht, Gesamtkonzepte zum Aufbau eines inklusiven Schulsystems auszuarbeiten, die konkrete Maßnahmen und zeitliche Vorgaben enthalten. Das beinhalte auch, personelle wie finanzielle Ressourcen umzuschichten.

Außerdem beklagte er, dass die Wege für Menschen mit Beeinträchtigung auf den ersten Arbeitsmarkt nach wie vor mühsam seien. Betroffene und Angehörige müssten zahlreiche bürokratische Hürden bei einer Vielzahl von Behörden und Ämtern nehmen. Viele Mitarbeiter seien nicht ausreichend über die Möglichkeiten zur Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt informiert. Außerdem zeigten sich Arbeitgeber oftmals zögerlich, weil es noch immer falsche Vorstellungen über Menschen mit Beeinträchtigung gäbe. Die Chancen, Lücken des aktuellen Fachkräftemangels durch Menschen mit Handicap zu schließen, würden größtenteils noch nicht erkannt. Vielmehr denke man vordergründig nur über die Risiken der Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigungen nach und verpasse so die Möglichkeit, Talente zu entdecken und zu fördern.

"Jeder Mensch ist anders", erinnert Haarstrich an das Weizsäcker-Zitat. Deshalb müssten Männer und Frauen mit Behinderung sich genau so individuell bei Vorstellungsgesprächen präsentieren dürfen wie Menschen ohne Beeinträchtigung. Vielfach hätten sie aber aufgrund von weit verbreiteten Vorurteilen in der Gesellschaft gar nicht erst die Chance zum persönlichen Gespräch bei potenziellen Arbeitgebern. Der Vorstand der Sozialgenossenschaft in Hannover schlägt der Bundesregierung eine Informationskampagne vor, die dafür sorgen soll, dass die Hemmschwellen und Vorurteile gegenüber Menschen mit Beeinträchtigung abgebaut werden. "Aufklärungsarbeit im ganz großen Stil ist angesagt, damit sich in der Gesellschaft etwas ändert." Und dafür sei Berlin zuständi

Unter dem Motto "Dabei-sein.com" hat unsere neue Sozialgenossenschaft mehrere hundert Interessierte am Austellungsstand auf der jüngsten Inklusionsmesse im Pavillion begrüßt. Interessierte aus dem Ausbildungsbereich der sozialen Berufe, Lehrer, Schüler und zahlreiche Privatpersonen informierten sich über das umfangreiche Angebot der gemeinnützigen Teilhabe-Bewegung. Mit innovativen Projekten startet die Sozialgenossenschaft - und sucht noch Unterstützer. Wer dabei sein möchte, meldet sich per E-Mail (info@dabei-sein.com) oder telefonisch montags bis freitags zwischen 9 und 18 Uhr unter 0511/459 80 580.

Inklusion 1 300x192 - „Der Begriff Inklusion wird missbraucht!“Inklusion kann nicht scheitern, sondern nur nicht richtig praktiziert werden!“ Friedrich-Wilhelm Haarstrich legt Veto ein gegen die aktuellen Stimmen in der Schullandschaft Hannovers. Der Vorstand der neuen hannoverschen Sozialgenossenschaft für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderungen spricht von einer überhitzten Diskussion. „Jetzt ist gefragt, Emotionen aus dem Thema rauszunehmen und auf sachlicher Ebene zu diskutieren.“ Bei der gleichberechtigten Beschulung von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung gelte es, vernünftig zu planen und beispielhaften Modellen zu folgen. Vieles, was als angebliche Inklusion an den hiesigen Schulen praktiziert werde, sei mehr Stückwerk denn konzeptionelle Umsetzung. „Und darum ist auch nicht die angebliche Inklusion gescheitert, sondern das, was als solche ,verkauft‘ wird!“ Der Vorstand von Aktiv DabeiSein eG fordert ein einheitliches Konzept für die Schulen Hannovers und der Region. Leuchtturmprojekten - wie sie an der Otfried-Preußler-Schule in der Südstadt oder an der Grundschule am Lindener Markt praktiziert würden – solle man folgen. Außerdem rät er, sich fachlichen Rat von Inklusionsexperten einzuholen. Die neue Sozialgenossenschaft beispielsweise könne den Kontakt zwischen Kommunen und Fachleuten vermitteln und gemeinsam mit den Beteiligten entsprechende Konzepte erarbeiten. Die neue gemeinnützige Organisation denkt über den schulischen inklusiven Weg hinaus, ist zum Beispiel mit Beschäftigungsmodellen und Freizeitteilhabeideen unterwegs. „Die gleichberechtigte Beschulung ist der erste Schritt zur inklusiven Gesellschaft.“

Laut Sozialwissenschaftler Hans Wocken, der diverse Studien zur Beschulung von Kindern mit Förderbedarf durchgeführt habe, sei der Lernerfolg der Mädchen und Jungen an der Förderschule mit dem Schwerpunkt “Lernen” niedrig. „Der Cooling-Out-Effekt tritt ein, das Kind passt sich dem niedrigen Lernniveau an.“ Dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf vom Gemeinsamen Unterricht profitieren, zeigten Bildungsvergleichsstudien. „Kinder mit Behinderung, die an die Regelschulen gehen, sind in ihrer Lese- und Rechtschreibkompetenz erfolgreicher als die Mädchen und Jungen an Förderschulen.“ Die Studien beweisen laut Haarstrich außerdem, dass Kinder im Gemeinsamen Unterricht keine schlechteren, teilweise sogar bessere Ergebnisse erzielen würden. „Von der inklusiven Didaktik profitieren alle“, resümiert er. Das Sozialverhalten und das Selbstmanagement würden gestärkt. Hirnforscher Gerald Hüther betonte sogar, dass Inklusion schlau mache, da heterogene Gruppen komplexere soziale Situationen und somit vielfältigere Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten bieten könnten.

Die Frage der Umsetzung der inklusiven Beschulung dürfe nicht durch blinden Aktionismus geklärt werden. Seit 1975 gäbe es Konzepte in Deutschland, die zeigen würden, wie Gemeinsamer Unterricht umgesetzt werden kann. Diverse Schulversuche sind nach Angaben des Genossenschaftsvorstands wissenschaftlich begleitet und ausgewertet worden. Daran sollte man sich orientieren. „Zieldifferenter Unterricht bedeutet“, so Haarstrich, „dass die Kinder unterschiedliche Lernziele haben. Methoden der inklusiven Didaktik ermöglichen individuelles Lernen.“ Das A und O bei Inklusion sei die eigene Haltung. Um diese zu reflektieren seien Aus- und Fortbildungen wichtig, die auch einen empathischen Zugang zum Thema Inklusion ermöglichen würden. Außerdem von Bedeutung seien die Bedingungen: Team-Teaching, Doppelbesetzung und Zwei-Pädagogen-Systeme seien angesagt, wenn die Klassenzusammensetzung dies erfordere. Dabei gelte es von erfahrenden Lehrern zu lernen. „Inklusion braucht keine Zeit, sondern den Willen sie umzusetzen.“ Die Sozialgenossenschaft, die von der Region und starken Vereinen in Hannover unterstützt wird, stünde den Verwaltungen und Schulen als Partner zur Verfügung. Die Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention habe bewirkt, dass das Vorhaben „Gemeinsamer Unterricht“ nicht mehr auf freiwilliger Initiative fuße. Haarstrich macht aufmerksam auf den aktuellen Vorwurf aus der europäischen Kultusministerkonferenz: „Unsere Nachbarn kritisierten in puncto Umsetzung der schulischen Inklusion, dass wir Deutschen immer noch gut im Selektieren seien. Das sollte für uns Grund genug sein, die richtige inklusive Beschulung voranzutreiben.

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